Kyo-Shodai Tanba-no-kami Yoshimichi
Juyo Token Katana – Kyo-Shodai Tanba-no-kami Yoshimichi
Objektart: Katana (Hitokuchi) im Koshirae
Klassifizierung der Klinge: Juyo Token (Offiziell registriertes „Wichtiges Schwert“)
Zertifikatsnummer der Klinge: 4566
Schmied: Kyo-Shodai Tanba-no-kami Yoshimichi (1. Generation Kyoto)
Schule der Klinge: Mishina-Schule (Sanpin-ryu)
Ära / Entstehung: Frühe Edo-Zeit / Keicho-Ära (ca. 1596–1615)
Signatur der Klinge: Oburi no goji-mei (Große, kraftvolle 5-Zeichen-Signatur)
Biografie der ersten Generation Kyoto (Kyo-Shodai)
1. Herkunft und die Wurzeln in MinoYoshimichi wurde in Seki, Provinz Mino, geboren. Er war der dritte Sohn des berühmten Meisters Mino-no-kuni Kanemichi (auch gelesen als Okane-michi). Dieser stammte in der 9. Generation vom legendären Soshu-Meister Shizu Saburo Kaneuji ab, einem der besten Schüler des berühmten Masamune.Yoshimichi wuchs in einer der talentiertesten Schmiededynastien Japans auf. Seine älteren Brüder waren Iga-no-kami Kinmichi und Izumi-no-kami Rai-Kinmichi, sein jüngerer Bruder war Etchu-no-kami Masatoshi.
2. Der historische Umzug nach Kyoto (1593)
Am Ende der Muromachi-Zeit, im Jahr 1593 (Bunroku 2) – exakt im Geburtsjahr von Toyotomi Hideyori –, begleitete die Familie den einflussreichen Regenten (Kampaku) Nijo Akizane bei dessen Rückkehr in die kaiserliche Hauptstadt Kyoto. Sie ließen sich im dortigen Bezirk Nishinotoin nieder.Vater Kanemichi und seine vier Söhne wurden schnell als die „Fünf Kyotoer Schmiede“ (Kyo-Gonin-Kaji) berühmt. Sie begründeten die Vormachtstellung der Sanpin-Schule (auch Mishina genannt) in der Provinz Yamashiro. Im Jahr 1595 (Bunroku 4) wurde Yoshimichi offiziell der prestigeträchtige kaiserliche Ehrentitel „Tanba-no-kami“ verliehen.
3. Entwicklung der Inschriften und Stilphasen
Die erste Generation Yoshimichi durchlief in Kyoto zwei große künstlerische Phasen, die sich in seinen Signaturen (Mei) widerspiegeln:
Die „Fushimi Tanba“-Phase (Frühe Keicho-Zeit):
Yoshimichi arbeitete zeitweise in Fushimi für den Hof von Toyotomi Hideyoshi. Seine Signaturen aus dieser Zeit sind eckig und streng. Die Schwerter dieser Ära (oft Wakizashi in flacher Bauweise) sind robust, breit und weisen oft schlichtere, rustikale Härtelinien (Suguha) auf.
Die „Hokake Tanba“-Phase (Genna- bis Kan’ei-Zeit):
In seiner reifen Phase änderte er den Schreibstil des Schriftzeichens „Tan“ drastisch. Der weit ausladende, geschwungene Pinselstrich weist eine Ähnlichkeit mit dem Vorsegel eines traditionellen Segelboots im Wind (Hokake) auf.
4. Das Meisterwerk und das Soshu-Erbe
Yoshimichi ging als genialer Innovator in die Geschichte ein, der das weltberühmte Sudareba (Bambusvorhang-Muster) erfand. Bevor sich dieses Muster in späteren Generationen zu einer streng kontrollierten, rein geometrischen Form verfestigte, war Yoshimichis Frühstil stark von der kraftvollen Soshu-Masamune-Tradition geprägt. Mit immensem Aufwand schmiedete er monumentale Prachtschwerter. Diese waren so reich an Ji-nie, goldglänzenden Blitzen (Kinsuji) und sandartigen Linien (Sunagashi) versehen, dass viele seiner unsignierten Werke fälschlicherweise direkt dem legendären Soshu Masamune zugeschrieben wurden. Werke der ersten Generation in voller Katana-Länge sind heute von äußerster Seltenheit.
Objektbeschreibung der Klinge (Juyo Katana)
Ernannt am 1. Juni 1966 unter NBTHK-Präsident Honma Junji. Offiziell katalogisiert in der 22. Juyo-Ernennung am 1. Juni 1974.
Technische Maße und Proportionen (Horyo)
Klingenform (Sugata):
Shinogi-zukuri (mit Gratlinie), Iori-mune (dachförmiger Klingenrücken). Die Krümmung ist flach und elegant. Die mittlere Spitze wirkt stolz und leicht verlängert (Chu-kissaki yaya nobi-gokoro), was den typisch wehrhaften Keicho-Shinto-Stil perfekt verkörpert.
Klingenlänge (Nagasa): 74,2 cm
Krümmung (Sori): 1,6 cm
Basisbreite (Moto-haba): 3,1 cm (außergewöhnlich breit und kraftvoll)
Spitzenbreite (Saki-haba): 2,2 cm (behält extrem viel Substanz bis zur Spitze)Spitzenlänge
(Kissaki-nagasa): 4,0 cm (lange, ausladende Spitze)
Angellänge (Nakago-nagasa): 19,0 cmAngelkrümmung
(Nakago-sori): 0,1 cm (nahezu gerade Angel)
Innere Charakteristika (Ji-ba)
Stahlstruktur (Kitae / Jitetsu):
Eine feine, dichte Holzmaserung (Ko-itame-hada), die sich stellenweise fließend vermischt (Nagare-hada) und etwas deutlicher hervortritt (hada-tachi). Auf der gesamten Oberfläche bildet sich eine dichte, glitzernde Schicht feinster Härtungskristalle (Ji-nie).
Härtelinie (Hamon):
Der Hamon weist ein langes, gerades Anschmieden an der Basis auf (Nagaku yaki-dashi ga aru). Darüber geht er in ein flaches Wellenmuster (Asaki-notare) über, das sich mit runden Wellen (Gunome) mischt.
Aktivitäten im Hamon (Hataraki):
Die Härtelinie ist hochgradig lebendig. Sie zeigt feine, vertikale Linien, die in die Schneide ragen (Ko-ashi), isolierte, blattförmige Härtungspunkte (Yo), dichte Kristallstrukturen (Nie-tsuki) sowie ausgeprägte, sandartige Linien (Sunagashi).
Spitzenhärtung (Boshi):
Verläuft sanft wellig (notare), läuft zur Spitze hin leicht spitz zulaufend zu (Saki togari-gokoro) und kehrt sich dann elegant um (kaeru).
Zustand der Angel (Nakago)
Die Angel befindet sich im absolut unberührten Originalzustand (Ubu). Das Angel-Ende ist kastanienförmig abgerundet (Kurijiri), und die Feilstriche verlaufen schräg (Sujikai). Es ist nur ein einziges Loch (Mekugi-ana 1) vorhanden, was den perfekten Erhaltungszustand ohne spätere Veränderungen beweist.
Inschrift (Mei): Auf der Außenseite (Sashi-omote), nahe dem Klingenrücken, befindet sich die herausragende Signatur: Tanba no Kami Yoshimichi.
Beschreibung des Koshirae (Die Montierung)
Das Schwert ist in eine elegante, kontrastreiche Meister-Montierung gebettet, die die ästhetische Balance zwischen kriegerischer Eleganz und traditionellem Shogunats-Stil perfekt verkörpert.
Scheide (Saya) und Kordel (Sageo)
Saya: Eine tiefschwarz lackierte Scheide (Kuro-urushi), die einen beruhigenden, klassischen Kontrast zur Klinge bildet.
Sageo: Ein hochwertiges, strahlend weißes Seidenband (Silk Sageo), welches traditionell am Trageknopf (Kurigata) befestigt ist.
Griff (Tsuka) und Griff-Beschläge
Rochenhaut (Samegawa): Der hölzerne Griff ist mit makelloser, edler weißer Rochenhaut unterlegt.
Wicklung (Tsuka-ito): Eine extrem aufwendige, traditionelle Jabara-Ito-Fadenwicklung in reinem Weiß. Bei dieser Flechttechnik werden feine Kordeln kunstvoll miteinander verflochten, um eine extrem griffige Struktur zu erzielen.
Griffabschluss (Kashira): Gefertigt aus edlem, dunkel glänzendem Horn.
Das offizielle NBTHK Hozon-Stichblatt:
Tessen Hana Sukashi Tsuba (Choshu-Schule)Das Stichblatt (Tsuba) schützt die Hand des Trägers und balanciert die Klinge aus. Es ist separat von der NBTHK zertifiziert:
Klassifizierung und Motiv: Tessen Hana Sukashi Tsuba – Ein Eisen-Stichblatt mit filigranen, durchbrochenen Elementen, die das Motiv der Passionsblume (beziehungsweise des Eisenkrauts) darstellen.
Zuschreibung und Schule: Choshu-Schule (Provinz Nagato). Die Arbeit wird dieser weltberühmten Meisterdynastie zugeordnet, welche in der Edo-Zeit für ihre unübertroffenen, plastischen Eisendurchbrucharbeiten im Hochrelief-Stil berühmt war.
Signatur-Status: Mumei (Unsigniert). Wie für viele bedeutende Arbeiten dieser Schule üblich, ist das Stück unsigniert, wurde jedoch von den kaiserlichen Experten eindeutig der Choshu-Schule zugeschrieben.
Zertifizierungsstufe: Hozon Tosogu – Offiziell registriert als „Wertvolles und erhaltungswürdiges Schwertschmuck-Objekt“.
Das Meisterwerk der Griffzwinge (Fuchi) von Yoshioka Inaba no Suke
Die Fuchi stammt aus der Hand der berühmten Meister-Dynastie Yoshioka Inaba no Suke. Sie zeigt ein harmonisches Naturdesign:
Die floralen Motive:
Auf der rechten Seite prallt eine detailreich ausgearbeitete, voll geöffnete Blüte in strahlendem Gold (Kin-iro) hervor. Links daneben befindet sich eine halb geöffnete Blüte sowie eine geschlossene, nach oben ragende Knospe (Plaumenblüten oder Chrysanthemen). Die zugehörigen Blätter und Stängel sind plastisch im Relief ausgearbeitet, dunkel patiniert und mit präzise gravierten Blattadern versehen.
Das handwerkliche Hintergrunddesign (Nanako-ji):
Der extrem feine, körnige Hintergrund des dunklen Metalls (eine edle Shakudo-Gold-Kupfer-Legierung) besteht aus unzähligen winzigen, perlenartigen Erhebungen (Fischrogen-Muster). Diese Struktur wurde traditionell mit einem speziellen Punziereisen Stoß für Stoß von Hand geschlagen. Sie bricht das Licht faszinierend und bringt die goldenen Reliefs optimal zur Geltung.
Über den Künstler (Yoshioka-Schule):
Die Yoshioka-Familie war eine hochangesehene Dynastie von Schwertschmuck-Meistern, die exklusiv im Dienst des Tokugawa-Shogunats (Bakufu) standen. Das Oberhaupt erbte ab der zweiten Generation über neun Generationen hinweg stets den Ehrentitel „Inaba no Suke“. Da sie direkt für die Regierung arbeiteten, blieben frühe Werke unsigniert, während spätere Generationen ab dem 18. Jahrhundert mit der vollen 5-Zeichen-Signatur signierten.
Das traditionelle Schwertzubehör:
Einfaches Kogai (Schwertnadel)In der separaten Seitentasche der Scheide befindet sich ein einfaches, einteiliges Kogai. Der verzierte Kopfbereich (Ji-ita) des Griffs spiegelt die meisterhafte Qualität des Koshirae nahtlos wider:
Material und Basis: Die Grundplatte besteht aus einer klassischen japanischen Kupfer-Gold-Legierung (Shakudo), die chemisch tiefschwarz bis dunkelblau patiniert wurde. Die Oberfläche zeigt analog zur Fuchi eine feine, gleichmäßige Körnung im Fischrogen-Muster (Nanako-ji).
Verzierung und Technik: Das hochkarätige Relief zeigt ein traditionelles Stillleben-Motiv. Auf der linken Seite zieht sich ein knorriger, blühender Pflaumenzweig (Ume) quer durch das Bild, welcher von einer traditionellen Teekanne beziehungsweise einem feinen Gefäß und Blättern begleitet wird. Die Elemente sind in erhabener Hochrelief-Schnitztechnik (Takabori) ausgearbeitet und mit einer kontrastierenden Echtvergoldung edel veredelt.
Symbolik: Der fein ausgearbeitete Pflaumenzweig steht im Bushido (dem Ehrenkodex der Samurai) für Ausdauer und Stärke, da die Pflaume als erste Blume noch im späten Winter Schnee und Kälte trotzt. Diese prachtvolle Schwertmontierung (Tosogu) entstand in der friedlichen Edo-Zeit, in der die funktionale Ausrüstung zunehmend zu einem Statussymbol mit höchstem künstlerischen Anspruch avancierte.
Offizielles NBTHK-Expertengutachten der Klinge (Setsumei)
„Tanba-no-kami Yoshimichi war der dritte Sohn von Kanemichi [...] Sein Stil zeichnet sich durch das Brennen eines einzigartigen Hamon aus, der als ‚Sudareba‘ (Bambusvorhang) bekannt ist. Dass bei diesem Schwert die Etablierung des exakten, ordentlichen Sudareba noch nicht vollständig vollzogen ist, ist das typische Charakteristikum der allerersten Generation (Shodai). Es demonstriert als frühes Werk meisterhaft den Übergang von der ungestümen, kristallreichen Soshu-Tradition hin zur Entwicklung seines eigenen Stils. Sowohl der Stahl als auch die Härtelinie sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Es ist ein exzellentes Stück.“
Metallurgische Analyse:
Das Phänomen des Yaki-dashi
Anhand dieses Schwertes lässt sich ein faszinierendes physikalisches Phänomen der frühen Shinto-Zeit im Detail studieren:
das Yaki-dashi. Das Vorhandensein dieses markanten, ungewöhnlich langen und geraden Härteansatzes direkt über der Basis (Hamachi) ist kein Zufall. Es ist das Resultat einer bewussten, meisterhaften Steuerung von Thermodynamik und Kristallisation durch die erste Generation Yoshimichi aus Kyoto.
Dieser physikalische Vorgang lässt sich metallurgisch wie folgt entschlüsseln:
Die gezielte Steuerung der Wärmeleitfähigkeit (Lehmbestrich)
Um die spätere Klingenaktivität zu formen, steuerte der Schmied die Abkühlgeschwindigkeit über die Dicke des Lehmauftrags (Yakiba-tsuchi). Während er im oberen Bereich der Klinge den Lehm hauchdünn und wellenförmig auftrug, um die ungestüme Soshu-Optik zu erzielen, applizierte er den Lehm im Basisbereich ganz bewusst in einer schnurgeraden, dicken horizontalen Barriere.
Der thermodynamische Prozess beim Abschrecken (Yaki-ire)
Beim plötzlichen Eintauchen des etwa 800 Grad Celsius heißen Stahls in kaltes Wasser passierten auf engstem Raum zwei völlig unterschiedliche physikalische Transformationen:
Im oberen Klingenbereich:
Der Stahl kühlte blitzartig ab. Die Kohlenstoffatome wurden im Kristallgitter zwangsgelöst und eingefroren. Es entstand die extrem harte, lichtbrechende Martensit-Struktur (Nie/Nioi).
An der Basis (Yaki-dashi):
Die dicke, gerade Lehmschicht wirkte als thermischer Isolator. Sie hielt das Wasser für entscheidende Millisekunden vom Stahl ab. Der Abkühlprozess wurde hier verzögert, wodurch sich anstelle von sprödem Martensit eine wesentlich weichere, elastischere Mischstruktur aus Perlit und Troostit bildete.
Die funktionale und statische Logik der Klinge
In diesem langen Yaki-dashi zeigt sich das wahre Genie des Kyo-Shodai Yoshimichi. Er löste damit zwei fundamentale Probleme der Klingenstatik:
Bruchprävention:
Er schuf eine hochflexible Übergangskonstruktion am physikalisch am stärksten belasteten Bereich von der Angel zur Schneide (Machi), was Klingenbrüche bei harten Schlägen effektiv verhinderte.
Strukturelle Balance:
Er stabilisierte das Fundament der Waffe, wodurch die ungestüme, rasiermesserscharfe Härte der oberen Soshu-Struktur erst praxistauglich und führig wurde.
Kyo-Shodai Tanba-no-kami Yoshimichi - #S0107
Signiert: Kyo Tanba no kami Yoshimichi (Erste Generation)
Nagasa: 74.10 cm
Sori: 1.52 cm
Motohaba: 3.19 cm
Motokasane: 0.75 cm
Hamon: Notare - Gunome mit Sunagashi, Yo und Nie
Jihada: Itame mit Nie
Papier: NBTHK Juyo Token / NBTHK Hozon für Tsuba
Koshira: Shirasaya +Katana Koshira
Preis: EUR



